Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz / Cultural City Network Graz
Kulturvermittlung --> Veranstaltungen homeback

ERwin SEppi, aus den Serien: ohne Liebe / schach-schachmatt 

Vernissage
-------------------------------Donnerstag 03. Februar 2005 / 18.30 Uhr
» Fotogalerie im Grazer Rathaus

bis 4. März 2005





„ohne liebe“
Photoerzählung von Erwin Seppi

In seiner neuen Photoserie erzählt uns Erwin Seppi Geschichten auf mehreren Ebenen, die sich dem
genauen Betrachter in ihrer Symbolhaftigkeit und thematisch-motivischen Aussage unschwer erschließen:
Der Künstler geht von Frauenbildnissen aus, die hinter dem Schleier des Nicht-Ausgesagten oder
im Spiegelreflex hinter Gegenständen, Glasscheiben oder auch im Hintergrund gesprenkelter Tapeten
aus dem Bild hervor und in Erscheinung treten, und endet mit der Metapher des Kreuzes. Die
Frauen erzählen so gleichsam ihre Geschichte und lassen den Betrachter teilnehmen am Ausdruck
ihres Gesichts, ihres Körpers. Die aussagestarke Vision wird durch die Technik der Überlappung
gleichsam als Filmschnitt gezeigt. Allesamt traumhafte Visionen einer Gegenwärtigkeit von Leben
und Welt, die immer dann, wenn der Betrachter sie zu erkennen und verstehen glaubt, in ein irreales
und fahles Licht getaucht werden und sich dann sofort dem realen Zugriff entziehen.
Keine 1 zu 1 Übertragung von abfotografierter Wirklichkeit also, sondern die künstlerische Interpretation
der Realität.

Der künstlerische Impuls ist zugleich auch der Reiz dieser Photogeschichten, die Erwin Seppi in
einer Schwarz-Weiß- und farbigen Folge anbietet, liegt aber auch in dem, was an unseren Augen
vorbei zieht: etwa Surrogate der Großstädte, verlassene Häuser, Fassaden, Straßenzüge, Geleise,
Industriegebiete, enge dunkle Gassen, die an Krudität nichts zu wünschen übrig lassen. Erwin Seppi
montiert seine Hintergründe bewusst realistisch und schafft damit kräftige Gegensätze zum lieblichen
Antlitz der abgelichteten Frauen. Der Kontrast liegt dabei nicht nur im Hell-Dunkel-Spiel des
Figurativen und Gegenständlichen, sondern auch in der bewussten Schaffung von Raum, der die
Photographien in ihrer „Semantik“ zu erklären imstande ist.

Zudem schafft der Künstler damit recht suggestive Übergänge vom Traum zur Wirklichkeit, vom
Virtuellen zum Realen, vom Angedeuteten zum Bezeichneten. Er lässt freilich mehrere Lesarten
seiner Kompositionen zu, so eine episches Abbilden von Erzählungen des Lebens hinter dem
Schleier oder des Lebens in der Verkrustung von Kälte und Abweisung, die Dechiffrierung und
eben nicht die Deskription von Einsamkeit und Alleinsein in einer Welt, wie Erwin Seppi sie in den
Städten aufspürt und im Titel der Serie thematisch angelegt ist.

Das Thema „ohne liebe“ ist in den verschiedenen Photographien nicht nur ein Ergebnis der Sichtweisen
in der zeitgenössischen Photokunst, sondern erinnert in seiner Chiffrenhaltigkeit durchweg
auch an Motiven und Themen der Malerei der Moderne; ausgehend von der Figur des Engels, an
Marc Chagall, über die Fratzenhaftigkeit expressionistischen Aussage an George Grosz, bis zur
Kreuzmetapher in großflächigen Gemälden Gerhard Richters.

Ferruccio Delle Cave, Leiter des Kreises der Südtiroler Autorinnen und Autoren im Südtiroler
Künsterbund, Oktober 2004



„schach - schachmatt“
„Endspiel\"
(von Helmuth Schneider, München. Auszug aus dem Begleittext zu zu dieser Fotoserie.)

Ein Stückeschreiber, der sich eine Geschichte ausdenkt, die unaufhaltsam auf ein Schachmatt zu läuft,
braucht Darsteller und eine veritable Bühne zur Verwirklichung seines tückischen Anschlags auf das
komödienübliche „lieto fine“. Einem Photografen, der mit der Kamera eine Geschichte inszeniert, die
ebenfalls mit einem – zudem geheimnisumwitterten. Schachmatt endet, genügen dafür eine Barbie-
Puppe und einige kaum ansichtskartenverdächtige Stadtkulissen. Eine einzige Figur vor wechselndem
Hintergrund kann natürlich nicht mit dem zahlreichen Personal einer Theateraufführung konkurrieren.
Das hat Erwin Seppi mit dem Phototriptychon SCHACH – SCHACHMATT auch gar nicht
vor. Er präsentiert keinen Photoroman (was nicht ausschließt, dass er mit Klischees dieses Genres
spielt), sondern eine Kurzgeschichte in Bildern. SCHACH – SCHACHMATT ist, wenn man einen
Bezug zum Theater herstellen will, ein Mini-Drama in zwei Akten und einem Nachspiel.

...Es ist keineswegs sicher, dass das Fräulein B. nun tot ist, für diese Vermutung gibt es eigentlich
keine Indizien. Aus dem Leben gefallen, meint einfach: abgemeldet, vom Leben abgemeldet. Man
darf das ruhig metaphorisch verstehen. Und weil das so ist, taucht sie auf den Fotos der dritten
Serie nicht mehr in „effigie“ auf. Sie wohnt nicht mehr hier, und auch nicht anderswo. Das heißt
nicht, dass sie völlig abwesend wäre. Sie hat Spuren hinterlassen in der Wohnung, in der sie lebte.
Es gibt Dinge, die an sie erinnern. Erwin Seppi, der das kurze, unerfüllte Leben des Fräuleins B.
besser kennt als irgendein anderer, macht sich auf die Suche nach Hinweisen, die vielleicht erklären
könnten, wer sie war, nach Gegenständen und Orten, die möglicherweise Aufschlüsse geben über
ihre Hoffnungen und Enttäuschungen. Er ist fündig geworden, und so entsteht aus der Spurensuche
eine Art von Kaleidoskop, in dem Facetten einer unvollendeten Biographie sichtbar werden. Die
Dame war noch jung, doch ohne Zukunft.

Der Photograph betrachtet die Wohnung mit dem Blick des Dokumentaristen, der herausfinden
will, ob sich das dort noch Sichtbare deuten lässt. Als erstes entdeckte er, gleich neben einem
ramponierten Schuhkasten ein Poster: Fräulein B. besaß das Portrait, überlebensgroß, von Fräulein
B.B. – und das heißt Brigitte Bardot. Die wiederum war die Inkarnation von Schönheit und Erotik.
Das Poster ist zerknittert, ihr Bild das Bild der Schönheit, ist beschädigt. Der Traum von Glück ist
mitbeschädigt, denn Schönheit ist auch immer ein Versprechen auf Glück. Vielleicht muss man
sich Fräulein B. als traurigen Menschen vorstellen.

Von der Melancholie verlassener, menschenleerer Räume keine Spur. Hier hat alles sein Verfallsdatum
längst überschritten, die herunter gewohnten Möbel, die verschimmelten Wände, die völlig
verschmutzte Badewanne. Kein Platz für das Schöne, nirgends. Ausgebürgert, verschwunden, wie
die Wohnungsmieterin. Die Kamera dokumentiert einen Zustand völliger Verwahrlosung – in einer
derart desolaten Behausung kann man nicht wirklich leben, das ist allenfalls eine letzte Zuflucht.
Welt abhanden gekommen ...


ERwin SEppi, aus den Serien: ohne Liebe / schach-schachmatt, 2005-02-03 18:30:00 [event]





unterstützt durch



Datenschutzerklärung