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Die Lebenden und die Toten 

Jasenko Conkas Fotos von verlassenen Gebäuden in Nordhausen

Vernissage
-------------------------------Mittwoch 03. Mai 2006 / 18.30 Uhr
» Fotogalerie im Grazer Rathaus





Die Gesamtheit dieser Bilder ergibt den Blick durch ein unheimliches Labyrinth. Besonders im Labyrinth sucht man nach Orientierung, versucht dessen Ordnung zu entschlüsseln, den Weg zu ergründen. Doch diese fotografierten Innenräume sind einzig dadurch verbunden, dass sie vor einiger Zeit verlassen wurden, sich in und um Nordhausen befinden und vor allem Spuren einer ihnen gemeinen Geschichte zeigen.

Der Bühnenbildner Jasenko Conka, in Sarajevo geboren und heute in Graz beheimatet, kam für Theaterarbeiten nach Nordhausen, wo er für den Regisseur Thomas Janßen mehrere Inszenierungen ausstattete, als letzte Jon Fosses “Der Sohn” im Sommer 2004, die letzte Schauspielproduktion des Theaters in Nordhausen überhaupt. In diesem norwegischen Stück geht es unter anderem auch darum, dass Leute unter dem Verschwinden ihrer Gemeinde leiden und über das Abwandern der Jungen an verheißungsvollere Orte sinnieren. Conkas Bühnenraum zeigte ein Interieur, das einerseits das Stück in einer sozialen Atmosphäre der kaum noch mit Veränderungen rechnenden Dagebliebenen verortete, andererseits die Spuren des Verschwindens schon in sich trug, wie etwa die lebenslang gebrauchte Couchgarnitur in diesem Bühnenbild.

In Vorbereitung dieser Arbeit begann er sich intensiv mit den verlassenen, überwiegend der Gründerzeit entstammenden Häusern in Nordhausen auseinanderzusetzen. Er begann, ihr Inneres zu fotografieren und dabei die Spuren zu lesen. Mit dem Blick eines Dokumentaristen, und zugleich mit dem Blick für die Besonderheit von Räumen, ihrer Einrichtung, dem Verschwinden von Interieurs, letztlich mit dem Blick für das in ihnen verschwundene Leben. Dieser Blick ist theatral, real und poetisch in einem.

Die abblätternden Tapeten wirken wie Häutungen; die noch in den Räumen verbliebenen Gegenstände wie Lampen, Möbel, Papiere und Betten verweisen auf gelebten Alltag; in Haufen zusammen geschoben bilden sie bereits Landschaften von Müll, mit einem alten Autoreifen als Signal, dass hier, in diesen Wohnungen, nicht mehr die Regeln der Lebenden gelten. Was ist passiert in diesen Räumen, was ist passiert mit diesen Räumen, wo ist das Leben hin, das hier einst war, könnte man sich mit dem Vergleich zu einem jüngsten Pompeji fragen. Geben Graffiti wie das an A.R. Penck gemahnende …SOS… über einer die Hände reckenden Strichmännchen-Frau Antwort?

Die Antwort findet der Dokumentarist in seinen Bildern. Denn er ist auch aufmerksam für die konkreten sozialgeschichtlichen Spuren: Ein Warmwasserboiler hängt über einem abgebrochenen Waschbecken, und häufig sieht man nachträglich über Putz und unter Tapete angebrachte Stromleitungen für ein praktischeres Leben in Gebäuden, die weitaus älter sind als die Vorstellungen davon. Eingriffe wie der in Türöffnungen eingezogene Rundbogen mit Ziegeltapete oder das eine Tür füllende Poster zeugen von Moden des Wohnens - wie eben auch die in Schichten der Zeit herunterblätternden Tapeten mit ihren noch aus den sechziger und siebziger Jahren stammenden floralen oder geometrischen Großmustern. Es sind Spuren der Wohnkultur in der DDR, auch Spuren für ein Wiedererkennen, das Conka hier festhält. Das mit seinem Blick, zwischen dokumentarischer Annäherung und der poetischen Betrachtung des Verschwindens, festgehalten und damit gestaltet zu haben, ist die große Leistung von Conkas Bildern. Ihnen verwandt ist die großartige Foto-Serie “Zuhause”, die Einar Schleef aus dem benachbarten Sangerhausen 1981 veröffentlichte, Straßen und Gebäude, also die äußere Ansicht von einem inneren Leben, das er, bevor er die DDR verließ, vor allem für sich selbst gegen ein Verschwinden damit festhalten wollte. Conkas Bilder führen in diesen Raum einer verschwundenen Zeit zurück, und sind doch ganz anders als die von Schleef, auch weil er erst viel später in diesen Raum von außen kommt.

Wer sich erinnert: Ein Kind hat niemals Scheu, in einer Ruine oder ähnlichem herumzuklettern. Aber eine verlassene Wohnung zu betreten, das ist Angst. Erscheint der Bewohner, dessen Blumenvase du gerade in die Hand nimmst, um sie demnächst zu verschenken oder an der Wand lustvoll zu zertöppern, nicht doch, um dich für die Frevel an der jüngsten Vergangenheit in Rechenschaft zu ziehen? Erwachsene erleben eigentlich den gleichen Schauder, auch als Immobilienmakler, Abrissplaner und kunstvolle Gründerzeitumbauarchitekten. Oder als Betrachter von Jasenko Conkas Fotografien als bewegende Kunst.

Thomas Irmer
(Publizist und Theaterkritiker, Berlin)


Die Lebenden und die Toten, 2006-05-03 18:30:00 [event]





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