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Fragmente einer Sprache der Liebe 

Anaïs Horn

Vernissage
-------------------------------Donnerstag 13. Oktober 2016 / 18.30 Uhr
» Fotogalerie im Grazer Rathaus

Bis 11. November 2016





Seit 2013 arbeitet Anaïs Horn an dem Projekt »Fragmente einer Sprache der Liebe«. Ausgangspunkt dazu ist Roland Barthes‘ 1977 erschienene »Fragments d‘un discours amoureux«. Manche der 80 Begriffe, zu denen Barthes Zugänge sucht, dienten als Vorlage für inszenierte Fotografien, andere fanden Ihre Entsprechungen in Szenen des Alltags, in Found Footage, in Fotografien aus meinem persönlichen Archiv sowie Analog- und Digitalfotografien in Farbe und Schwarz-Weiss. In der Arbeit, die sich als unvollständiges »Work in Progess« präsentiert, werden diese collagenhaft mit Schwarz/Weiß-Fotokopien von Textpassagen aus Barthes' Werk in Relation gesetzt.

Fragmente also, Bruchstücke einer alphabetisch angeordneten Konfession, die von »Abhängigkeit« bis »Zugrundegehen« sich jeder systematischen Ordnung entziehen. Das Unberechenbare, das die emotionale Gemengelage des Liebenden terrorisiert, setzt sich in der Willkür der Anordnung – und der Begriffe – fort. Und doch gibt es eine Konstante, die die sprunghafte Melodie dieser Einträge mit einem melancholischen Basso continuo grundiert: Das ist die allem Sprechen zugrundeliegende Angst, verlassen zu werden – oder immer schon verlassen worden zu sein. Es ist kein Zufall, dass Goethes »Werther« Barthes‘ Kronzeuge ist.

Die Arbeit sucht intime Zugänge, bildet meine und Beziehungen aus meinem engsten Umfeld ab, aber relativiert auch, verallgemeinert und inszeniert sprachliche Begriffe – im zeitlosen Raum, allgemein gültig – oder nur für denjenigen, der liebt. Aber auch in der Utopie unserer Zeit und Gesellschaft und den Kontexten, in denen Beziehungen und Liebe heute stattfinden. Es entsteht ein fragmentarisches Bild, unendlich fortsetzbar, so beliebig, wie intim, so chaotisch und verzweifelt, wie von Glück und Erfüllungund geprägt.

»Die Liebe« also – himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. So wurde sie in der Literatur besungen, so wird sie hier wieder heraufbeschworen. Die Liebe als grundstürzendes Gefühl, das nichts anderes als sich selbst und das geliebte Wesen kennt – diese romantische Auffassung von der geschlechtlichen Attraktion kommt uns in den Zeiten von Internet-Pornografie und Hook-up-Kultur womöglich noch anachronistischer vor als in der ideologisch geprägten Ära der sogenannten sexuellen Befreiung, in der das Buch erschienen ist. Und doch galt auch damals schon, was inzwischen wohl mehr denn je gilt: dass nämlich »der Diskurs der Liebe heute von extremer Einsamkeit ist«.

Bühnen des Alltags, Momente der Einsamkeit, Momente der sexuellen Intimität, Szenarien des Liebens und des Umfelds des Liebenden – Räume, Gegenstände, Personen, Landschaften – Prägungen, scheinbare Erkenntnisse, neue Fragestellungen, Diapositive der Verbundenheit, der Sehnsucht und der Brüchigkeit, reihen sich bildlich aneinander. Sie suchen Ihre Entsprechungen oder werden gefunden – in Barthes‘ Fragmenten, Abhängigkeit, Abwesenheit, Allein, Anbetungswürdig, Angst, Askese, Beiläufigkeiten, Berührungen, Eifersucht, Entstellung, Erwartung, Herz, Katastrophe, Magie, Nacht, Objekte, Sehnen, Umarmung, Unbegreiflich, Unerträglich, Verbergen, Verrückt, Wolken, Zugrundegehen …

Denn eine »lange Kette von Ähnlichkeiten verbindet alle Liebenden der Welt«, und die Verlockung der Projektion, die Barthes als das »Register imaginärer Lektüren« charakterisiert, hat an Kraft bis heute nichts eingebüsst. Es geht also auch um die Verführung des Lesers, um Ansteckung und Umgarnung, anders gesagt: um die Erotik der Sprache selbst. Die Erinnerungen und Reflexionen, die sich zu einem amourösen Diskurs aus situativen »Figuren« zusammenfügen, werden so zur Erfahrung des Lesenden. »Eine Figur ist dann zustande gekommen, wenn wenigstens einer sagen kann:
"Wie wahr das ist!"«


Zitate aus: »Fragmente einer Sprache der Liebe«
Wie wahr das – noch immer – ist!
von Andrea Köhler, 7.11.2015 / Neue Zürcher Zeitung







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