KULTURVERMITTLUNG
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Kann man die Ukraine verstehen? 

LITERATUR. OST><WEST
Im Mai und Juni wird die Lemberger Schriftstellerin Natalka Sniadanko in Graz zu Gast sein, im März und April verbrachte der literarische Übersetzer, Dolmetscher und Universitätslehrer Harald Fleischmann eine Zeit lang in Kiew/Kyjiw. Naheliegend, dass sowohl dem literarischen Werk der bekannten ukrainischen Autorin als auch einem Gespräch über aktuelle Entwicklungen in der Ukraine Raum gegeben wird.

Lesung
-------------------------------Mittwoch 10. Juni 2015 / 20.00 Uhr
» Im Cubus

Eine Veranstaltung in Kooperation mit ISOP, dem Internationalen Haus der Autorinnen und Autoren Graz, unterstützt durch die Kulturvermittlung Steiermark. Marko Tomaš ist Stipendiat des Internationalen
Hauses der Autoren und Autorinnen Graz.


Manchem zeitgeistigen Zeitgenossen erscheint wohl die Frage selbst verdächtig. Das Bedürfnis zu verstehen ist in unserer angeblich wissenschaftlich-rationalen Kultur gegenüber dem Bedürfnis, keinen Zweifel an der eigenen Zugehörigkeit zum Lager der moralischen Überlegenheit aufkommen zu lassen, längst ins Hintertreffen geraten. „Putinversteher“ ist ein Schimpfwort, weil der semantische Unterschied zwischen „verstehen“ und „gutheißen“ viele Medien und ihre Konsumenten überfordert. Dabei ist der Versuch, die Perspektive des Kontrahenten nachzuvollziehen (nicht ihr nachzugeben!) – egal, ob es um private oder weltpolitische Konflikte geht – eine zwar nicht hinreichende, aber notwendige Voraussetzung für erfolgversprechende Friedensbemühungen. Wer heute in der ukrainischen Hauptstadt Kiew oder Kyiv/Kyjiw (wie man vielleicht, der ukrainischen Version des Namens folgend, allmählich schreiben sollte) mit Menschen aus unterschiedlichen sozialen und beruflichen Milieus spricht, tut sich schwer, eine kohärente Erzählung über die erhältnisse im Land zu liefern. Da sind die Optimisten, die vor allem auf das Erwachen der Zivilgesellschaft stolz sind. Sie verweisen auf die vielen lokalen Initiativen, in denen sich vorwiegend junge Menschen kulturell, gesellschaftlich, karitativ engagieren. Das Verhältnis zur Obrigkeit hat sich gewandelt. „Macht“ ist kein Paradoxon mehr, das einerseits als sakrales Phänomen, andrerseits als über den Menschen verhängte Naturkatastrophe erlebt wird. Zwar bleibt sie ein Übel – der Glaube an den revolutionären Sprung in die Utopie ist längst diskreditiert – aber ein Übel, dem die Untertanen nicht mehr wehrlos ausgeliefert sind. Ob Kopf- oder Handarbeiter, viele sind stolz auf die „Volontjory“, die Freiwilligen der „ATO“ („Antiterroristische Operation“), ohne die die ukrainische Regierung dem militärischen Druck der „Separatisten“ und Russlands noch weniger entgegenzusetzen hätte. Bei spontan organisierten Benefizkonzerten wird Geld nicht nur für die Verpflegung und die persönlichen Bedürfnisse, sondern auch für die militärische Ausrüstung der Menschen an der "Frontlinie“ gesammelt. Angeblich, so berichten Augenzeugen, lassen sich drei von fünf ukrainischen Panzern ja nicht einmal starten. Für die Pessimisten aber ist der als Folge des von korrupten Politikern und Militärs jahrelang betriebenen Ausverkaufs jämmerliche Zustand der ukrainischen Armee gerade ein weiterer Beweis für die unveränderte Entfremdung von Regierenden und Regierten. Statt die Verteidigungsfähigkeit des Landes zu gewährleisten, benütze man den Krieg als weitere Gelegenheit, diverse „Schemata“ zu entwickeln, um Geldströme in die einen oder anderen Taschen zu lenken. Eine Alternative zum oligarchischen Kapitalismus, der alle post-sowjetischen Länder im Griff hält, sei nicht in Sicht. Die Regierung sei nicht einmal imstande, den Bergleuten, die sich in den umkämpften Gebieten trotz Druck von Seiten der Separatisten diesen oft nicht angeschlossen haben, die Gehälter auszuzahlen. Man überlasse sie ihrem Schicksal und zeige damit, dass es nach wie vor nicht um die Menschen, sondern um den Vorteil der jeweiligen Machthaber gehe. Übelkeit sowohl bei Optimisten als auch bei Pessimisten in der Ukraine ruft die grobe Entstellung der ukrainischen Wirklichkeit in den russischen Medien hervor. Die Erfolgsbilanz der Propagandamaschinerie dürfte sich somit als gemischt erweisen: während die russische Bevölkerung weitgehend wie ein Mann hinter dem Kreml steht (über die in Wahrheit vielfältigen Gründe dafür hat jüngst sehr differenziert und treffend der deutsche Historiker Jörg Baberowski in der „Zeit“ geschrieben, was ihm umgehend Diffamierungen, diesmal von pro-ukrainischer Seite, einbrachte), driftet die Bevölkerung der Ukraine immer weiter von Russland weg. Die Kluft, die zwischen der Wahrnehmung der Ereignisse vor Ort und der über die russischen Medien vermittelten Wahrnehmung liegt, hat tausendfach zum Bruch zwischen Familienangehörigen und Freunden, die diesseits und jenseits der Grenze leben, geführt. In der Ukraine weiß man aus Erfahrung, dass einem von Nationalisten nicht die Kehle durchschnitten wird, wenn man Russisch spricht (in dem Fall müsste mindestens die halbe Bevölkerung Kyjiws von der Auslöschung bedroht sein), auch wenn die Verwandten in Russland eben dies eindringlich behaupten. Oder wenn im russischen Fernsehen eine vordergründig kontrovers geführte Diskussionssendung über die Ukraine ausgestrahlt wird, dann wird dem Zuseher in der Ukraine alsbald klar, dass es sich um eine abgekartete Inszenierung handelt. Der Schauspieler, der den ukrainischen Standpunkt mimt, muss als einziger Diskutant in orange-rosa Kleidung auftreten. Das lässt ihn nach russischen Maßstäben als Homosexuellen erscheinen, wodurch er von vornherein nicht ernst genommen wird und bestenfalls neben Verachtung ein bisschen Mitleid verdient. Während er spricht, werden im Hintergrund Bilder von blutrünstigen „Nationalisten“ eingeblendet, und schließlich melden sich „spontan“ Diskutanten aus dem Publikum, die dem „Ukrainer“ geifernd unterstellen, er vergleiche das heutige Russland mit Nazideutschland, wodurch dieser beim Publikum möglicherweise vorhandene Restsympathien endgültig verspielt. Dennoch: Die kulturellen und menschlichen Bande zwischen der Ukraine und Russland sind viel enger, als dies geschichtsignorante Politiker und Journalisten im Westen begreifen. Man braucht nicht eine diabolische Verschwörung des CIA anzunehmen, um von einer Mitverantwortung des Westens für die ukrainische Tragödie auszugehen. In einem Kommentar zur Lage zitiert Natalka Sniadanko den prominenten Lemberger Historiker Jaroslav Hrytsak: „Die Verwandlung zu einer modernen Nation gelang den Ukrainern unter ausnehmend ungünstigen Umständen. Denn wenn man davon ausgeht, dass sich eine Nation durch eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames historisches Gedächtnis und eine gemeinsame Konfession auszeichnet, so trifft kein einziges dieser Kriterien vollinhaltlich auf die Ukraine zu.“ Je näher man die Ukraine in Augenschein nimmt, desto augenfälliger wird ihre Heterogenität. Gerade darin besteht vermutlich aber nicht nur eine Schwäche, sondern gerade auch eine Stärke dieses Landes.Als Bedrohung empfindet dies, wer sich nur in übersichtlich geordneten Verhältnissen wohl fühlt. Seien es ausländische Beobachter, die die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß umso schärfer ziehen, je weiter sie von jeglicher empirischer Erfahrung entfernt sind, oder ukrainische Politiker, die „nicht-kanonische“ Interpretationen der Ereignisse verhindern wollen: Es liegt ein Gesetzesentwurf vor, der „die Negation der russischen Aggression“ mit Strafsanktionen belegen soll. Nicht unbedingt ein Zeichen der Stärke. Diese lässt sich eher aus dem aufkommenden Widerstand gegen ein solches Gesetz ablesen, der bezeichnenderweise gerade nicht von „pro-russischen“, sondern von „pro-europäischen“ Gruppierungen geleistet wird, die die Durchsetzung von „richtigem“ Denken per Dekret ablehnen. Natalka Sniadanko kommt aus Galizien, der „Erfindung der Habsburger“, die von allen Regionen der Ukraine am spätesten in das Russische Reich bzw. die Sowjetunion inkorporiert wurde und daher eine stark „mitteleuropäisch“ geprägte Identität aufweist. Geographisch, historisch, in Mentalität und Alltagskultur ist diese Region Polen und den anderen westlichen Nachbarn – trotz schärfster Konflikte in der Vergangenheit – am nächsten. Natalka Sniadanko hat selbst in Deutschland studiert und an der Universität Warschau gearbeitet, sie übersetzt – neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit – aus dem Deutschen und Polnischen. In fast allen ihren Werken geht es um das Aufeinandertreffen galizisch-ukrainischer und westeuropäischer Horizonte. In ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman „Sammlung der Leidenschaften“ macht eine junge Frau, die in den letzten Sowjetjahren in Lemberg aufgewachsen ist, während des Studiums in Deutschland ihre ersten Erfahrungen mit der westlichen Welt. In ihrem neuesten Roman – Ausschnitte davon sind unter dem Titel „Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen“ erschienen – geht es um ukrainische Frauen, die legal oder illegal im Ausland leben. Ein Thema mit vielen Facetten, die nicht nur Vor- und Nachteile dieses sozialen und ökonomischen Phänomens für die Ukraine betreffen, sondern auch unseren problematischen Umgang mit Erfahrungen, die sich nicht so leicht in unsere handlichen, moralische Überlegenheit garantierenden Fertigteilkategorien einordnen lassen.

Harald Fleischmann, Graz-Kyjiw, Anfang April 2015


Natalka Sniadanko [artist]
Kann man die Ukraine verstehen?, 2015-06-10 20:00:00 [event]





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