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Die Kamera als Lichtpinsel oder: Die Welt steht Kopf 


Presse

von Heribert Michl

Vernissage
-------------------------------Dienstag 03. Oktober 2006 / 18.30 Uhr
» Fotogalerie im Grazer Rathaus





Mit der Kamera malen

Heribert Michl, der Maler, fotografiert auch gelegentlich. Er fotografiert, was ihm vors Auge kommt und seine Aufmerksamkeit erregt: auf der WasseroberflĂ€che dahintreibende Algen, den Schattenwurf einer Baumgruppe, Teerspuren auf einem Schiffsrumpf, karges, dĂŒrres GelĂ€nde aus zerklĂŒftetem Gestein und immer wieder Spiegelungen im Wasser: diejenige eines winterlichen Jungwaldes, einer Graslandschaft, eines ins Wasser gestĂŒrzten Baumes.
Und er fotografiert, wie es jeder Hobbyfotograf tut: indem er die vorgefundenen Situationen spontan mit einer einfachen, analogen Kamera festhĂ€lt und seine Fotografien maschinell ausarbeiten lĂ€ĂŸt. Diese entstehen also ohne Einsatz professioneller technischer Hilfsmittel, ohne nachtrĂ€gliche Manipulationen oder Korrekturen. Michl, der nach eigener Aussage mit der Kamera malt, muss den Ausschnitt, die Belichtung etc. stets mit Bedacht so wĂ€hlen wie der Aquarellist seine Farben und Gesten, weil spĂ€tere AbĂ€nderungen nicht mehr möglich sind. Kenntnis und Können gehören in beiden FĂ€llen dazu, aus einem flĂŒchtigen Eindruck ein gĂŒltiges Bild zu machen.
Michls Malen mit Licht verweist auf die fundamentale Natur der Fotografie als Spur einer Gefangennahme, dem Einfrieren eines einzigen Moments in Raum und Zeit. NatĂŒrliche Zufallsbildungen, die als subtile Figuren Bild werden, entsenden Fotograf und spĂ€ter Betrachter in ein Abenteuer der Entdeckung niegesehener oder einfach unbeachteter Formen und Strukturen. Denn sie regen die Phantasie an, weil sie sich dem raschen Blick kaum erschließen.
Durch besondere Ausschnitte und Perspektiven sowie durch den Einsatz des SpiegelphĂ€nomens sind die Motive in einer Weise verunklĂ€rt, dass der Betrachter zunĂ€chst nur verschiedene Farb-FormgefĂŒge wahrnimmt, von dem sich nach und nach einzelne (wieder)erkennbare Details abzuheben beginnen. Oben und unten erscheinen vertauscht, der Unterschied von NĂ€he und Ferne aufgehoben: dem Himmel entwachsen vermeintlich Äste und ein winterlicher Waldboden ist unvermutet an den oberen Bildrand getreten, aus dem die schlanken BaumstĂ€mme eines Waldes nach unten ragen. Der Wasserspiegel verdoppelt - wie auch die Fotografie selbst - die Welt der Körper nicht auf einfache Weise. Er bringt sie in Schwingung, lĂ€ĂŸt sie ausfließen, undeutlich werden. Die Spiegelung verbindet sich mit dem Gespiegelten zu einem neuen, fremdartigen Ganzen und erzeugt vibrierende, unbestĂ€ndige FarbflĂ€chen, in denen Formen auftauchen und wieder verschwimmen. Diese zeigen sich in der Fotografie als chromatische Felder, die sich afokal und zentrifugal ĂŒber die gesamte BildflĂ€che ausdehnen und in denen jede Orientierung schwer fĂ€llt.
Die fotografisch prĂ€sentierten Formen sind also nicht strikt mimetisch mit dem Naturvorbild verbunden, sondern vor allem selbstbezĂŒglich. Denn gerade indem sich das Motiv durch die besondere Wahl des Ausschnitts und der Perspektive nicht oder nur schwer entrĂ€tselt, treten die Formen in ihrem Eigensinn selbst in den Vordergrund und eröffnen die Möglichkeit freien Assoziierens und Interpretierens.
Michl - als Maler in der Tradition des Informel stehend - engt das Formgeschehen nicht auf GegenstĂ€ndliches ein und arbeitet bewußt mit der dadurch entstehenden Vielsinnigkeit bzw. Vieldeutigkeit der Form. Seine Fotografien verweigern wie seine Bilder die eindeutige Konsolidierung der Erscheinungen. Ihre QualitĂ€t basiert nicht auf ihrem Gehalt an semantischer, rational verstehbarer Information, sondern auf der vermittelten Ă€sthetischen Information. Der Begriff „Àsthetisch“, abgeleitet vom griechischen „aisthesis“: sinnliche Wahrnehmung, bezieht sich auf die zweckfreie Anschauung bildimmanenter Relationen und formaler Beziehungen in ihrem Selbstwert, die verbal kaum zu prĂ€zisieren sind.
Die Formen bilden zwar - als Ergebnis eines fotografischen Aktes - etwas Gesehenes, etwas Vorgegebenes ab und stellen damit eine unzweifelhafte Verbindung zum Naturvorbild her. Doch die Fotografien Heribert Michls besitzen letztlich ihre Bedeutungsebene im Formalen allein, unabhĂ€ngig von jeder RĂŒckbindung an den ursprĂŒnglichen Ausschnitt der realen, abgebildeten Welt. Das macht auch die poetische, feinsinnig-Ă€sthetische Dimension der Fotografien von Heribert Michl aus. Angesichts dieser BilderrĂ€tsel, deren „Lösung“ nicht zwingend als vorrangiges Ziel vom KĂŒnstler intendiert ist, ist der Betrachter verwiesen auf seine Beobachtungsgabe und AssoziationsfĂ€higkeit. Er mag Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, Korrespondenzen zu bereits Gesehenem entdecken, aber er kann sich auch einfach dem Spiel der unerkannten und deshalb geheimnisvollen Formen selbst hingeben. Sie werden ihm weniger vom Wesentlichen der Natur als von der Beziehung des Menschen zur Welt offenbaren.

Kerstin Barnick-Braun


Die Kamera als Lichtpinsel oder: Die Welt steht Kopf, 2006-10-03 18:30:00 [event]





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