post Kategorie: Artikel post post10. Dezember 1948
Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.

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„Shahin sieht alles“, lautete die erste Überschrift. Auf dem, in Farben der iranischen Landesflagge, schlicht aufgemachten Blog erfuhr man dann, was dieser oder jener iranische Politiker und ranghohe Offizier zu einer bestimmten Zeit einen Tag zuvor gemacht hatte. Belanglose Dinge waren das, der Minister für Telekommunikation habe schwarze Strümpfe und Ziegenkäse auf dem Markt gekauft, ein Leutnant sei mit seinem Jeep über eine gelbe Ampel gefahren usw.
Bereits der erste Eintrag, mit genauer Uhrzeit und vielen Details versehen, rief panischen Tatendrang bei der iranischen „Zentralstelle für Filtering“ hervor, die aktiv gegen unzüchtige und politisch unerwünschte Internetseiten vorgeht. Ein zwölfköpfiges Expertenteam beschloss die sofortige Abschaltung der Seite. Umsonst – denn nur einen Tag, nachdem sie aus dem Netz getilgt wurde, erschien die Seite unter einer leicht veränderten Adresse wieder und offenbarte neue Banalitäten. Der iranische Innenminister habe eine Fabrik besucht und Kaffee getrunken und der Chef der „Zentralstelle für Filtering“ habe sich um 17.12 Uhr die Schuhe putzen lassen, „Shahin sieht alles!“
Das ging zu weit! Der Internet-Provider musste sofort mit den Daten des Seiteninhabers herausrücken, und bald sperrten Spezialkräfte ein ärmliches Viertel im Osten Teherans ab, in dem man den Übeltäter vermutete. Die spärlich eingerichteten Baracken wurden durchsucht, ohne dass man auch nur einen einzigen Computer fand. Dennoch nahmen die Fahnder einen jungen Mann fest. Sie lasen seine Tagebücher, stöberten in seinen Briefen nach Indizien, riefen seine Eltern an, „euer Sohn ist ein Spion!“. Am Abend musste man ihn aber entlassen – ein neuer Blog-Eintrag war inzwischen erschienen.
Inhaftiert wurde der junge Mann überhaupt nur deswegen, weil er einen Shahin – einen Falken – besaß. Der Falke selbst entkam den Fahndern und flog auf das Dach vom Freiheitsturm, wo er sich das Gefieder putzte.
Der neue Blog-Eintrag verkündete: „Der Kulturminister spuckt unter dem Freiheitsturm heimlich einen Kaugummi aus“.

saša stanišić geschrieben am 5. März 2008 - 09:51
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