International Writer’s House Graz

Cultural City Network Graz

About us |  KultRent |  Events |  Publications |  Fellows |  photo graz |  Press |  Partners |  Contact

Kulturvermittlung --> Projects homeback

zur Grenze 

von Dževad Karahasan

Eine Stadt besteht aus unterschiedlichen Arten von Menschen: ähnliche Menschen bringen keine Stadt zustande.

Aristoteles

Es gibt Leute, welche glauben, sie könnten den Schmetterling ganz genau betrachten, wenn sie ihn mit einer Nadel aufs Papier festgestochen haben. Das ist ebenso töricht wie grausam. Der angeheftete, ruhige Schmetterling ist kein Schmetterling mehr.

Heinrich Heine

Während der Arbeit an meinem Essayband “Von der Sprache und der Angst“ tauchte Grenze immer aufs neue als Thema auf in vielerlei Formen: als Metapher für eine mögliche Form der Erkenntnis, als Ort außergewöhnlichen symbolischen Potentials, als universalgeltendes Symbol für Spannung, die per definitionem fruchtbar ist, als eine dramatische Figur par excellence... Dies veranlaßte mich, einige Überlegungen über Natur der Grenze zu notieren, in der Hoffnung, daß ein besseres Verständnis der Grenze (des doppelten Wesens der Grenze) zu einem besseren Verständnis des Dramas (des doppelten Wesens des Dramas) führen könnte. Grenze als Form der Erkenntnis ist jene Form des Erkennens, von der die klassische europäische Kunst träumte: der Grenzraum, in dem sich das Material, der Autor und die Idee begegnen - eine Begegnung, deren Ergebnis eine Form im aristotelischen Sinne ist. Die Form, die der Autor im Material erahnte, ein Werk als symphonische Ganzheit von Lauten/Klängen/Stimmen, die der Autor und das Material gleicher­ maßen emittieren: ein Autor, der seinem Material angehört und gleichzeitig von ihm distanziert ist, also an der Grenze steht. (Ist es notwendig, daran zu erinnern, daß die klassische europäische Kunst keine Selbstdarstellung des Künstlers war?) Grenze ist eine sehr genaue Metapher für die Objektivität der klassischen Kunst - eine Objek-tivität, die keineswegs desinteressiert und dennoch eine wahre und unvoreingenommene ist, eine Objektivität, die das Gegenteil der Neutralität ist. Grenze ist nämlich pure Objektivität, denn es sind zwei Identitäten, die in jeder Grenze zusammentreffen, gleichermaßen für sie konstitutiv und gleichermaßen präsent. In der Grenze begegnen sich zwei Einheiten des Raumes, oder zwei Einheiten der Zeit, oder zwei Einheiten des Sinns, kurzum zwei Identitäten einer Art. Beide Identitäten (beide Einheiten, die sich in der Grenze begegnen) müssen mit ihren Identitäten gleichermaßen präsent sein, sie müssen in gleichem Maße die Grenze konstituieren, als Ort ihrer Begegnung, damit es sich tatsächlich um eine Grenze handelt. Deshalb ist Grenze ein dramatischer Ort par excellence, denn sie ist ein Ort der Spannung und deshalb so ausgesprochen fruchtbar. In der Grenze, durch die Grenze, wird eine Identität vollendet. Die Grenze gehört noch immer dieser Identität, und dennoch ist sie schon etwas gänzlich anderes, denn sie wird in gleichem Maße auch durch die andere Identität konstituiert, die an der Grenze (mit der Grenze) beginnt. Die Grenze ist Grundlage der Identität, denn gerade sie gibt Form und Gestalt, was bedeutet, daß sich durch sie und in ihr eine Identität wirklich vollendet; und gerade hier, in dem, was sie vollendet, überwindet eine Identität das stumpfe Mit-sich-selbst-gleich-sein und öffnet sich etwas völlig anderem, nämlich jener anderen Identität, aus der die Grenze besteht. Im zweifältigen, dramatischen, dialogischen Wesen der Grenze erkenne “Ich“ (eine der zwei Identitäten) allein eine, und zwar “eigene Seite“; den anderen Teil der Grenze, die andere Identität, kann das “Ich“ nicht erkennen, es muß diesen erfahren, wie alles erfahren wird, was nicht wir sind. Und wie es diesen erfahren wird, wie es sich an diesen anderen Teil der Grenze wenden und ihm gegenüber verhalten wird, hängt vom Charakter und Welterleben des “Ichs“ ab (was übrigens unzertrennlich zusammenhängt mit dem Erleben seiner selbst). Es kann sich diesem als einem Subjekt zuwenden und diesen im Rahmen der “Ich-du“-Beziehung erfahren, durch Dialog, in dem zwei Subjekte einander entdecken; es kann sich diesem als einem Feind zuwenden, was wiederum eine dramatische Beziehung (einen Konflikt) darstellt, allerdings eine Beziehung, die das Drama zu Ende führt, denn der Konflikt hebt die Spannung auf, die Basis und conditio sine qua non des Dramas ist. Das “Ich“ kann jene andere Identität im zweifältigen Wesen der Grenze auch im “Ich-es“-Rahmen, der “Subjekt-Objekt“-Beziehung erfahren, es kann es auf verschiedene Art und Weise tun. Die Grenze stimmt aber mit ihrer wahren Natur nur dann überein, wenn in ihr Objektivität der Kunst vorhanden ist, jene wunderbare Objektivität, die auch Objekti­ vität der Grenze ist, eine Objektivität also, die den Anderen, den “Ich“ zu erkennen bestrebt ist, nicht in ein Objekt verwandeln muß. Die Objektivität der Grenze lehrt uns, daß uns der Andere uns selbst beweist, daß der Andere uns möglich macht, denn wir vollenden uns gerade dank ihm, durch unsere Begegnung mit ihm. Die innere Struktur der Grenze beweist, daß eine Form des Erkennens existieren könnte, die ihre Objektivität auf der gleichermaßen entscheidenden, gleichermaßen bestimmenden Präsenz zweier Subjekte der Erkenntnis bauen könnte (zielt denn nicht darauf das erwähnte Zitat von Heinrich Heine?). Sagen wir, dies könnte jene Form des Erkennens sein, die uns von dem Titel “Europa denken“ (Edgar Morin), geschrieben von der Hand eines Europäers, versprochen wurde. Europa denken. Ein Wunder denken (denn Europa ist zweifellos in vielerlei Hinsicht ein Wunder). Ein Wunder der Aggressivität: eine Halbinsel des asiatischen Kontinents okkupierte praktisch den kompletten Rest der Welt, wie es noch immer am Anfang unseres Jahrhunderts war. Ein Wunder der Produktivität: es ist fast unwahrscheinlich, daß in einer so kurzen Zeit und auf einem so kleinen Raum all das entstehen konnte, was in Europa in den letzten paar Jahrhunderten entstand - angefangen von den neuen Waffengattungen bis hin zu neuen Biersorten, von totalitären politischen Theorien bis zur Apotheose des Individualismus. Das Wunder der “Grenzheit“. Ein Wunder ist, so lehren uns mittelalterliche europäische Weise, ein Grenzphänomen - Offenbarung einer höheren Form der Existenz in der niederen, sagen wir, das Abblättern des Steins oder das Sprechen des Falken. Vielleicht ist das Wunder der Grenze eine der möglichen Erklärungen für das Wunder Europa? Europa ist nämlich, zu all dem, was es ist, auch ein sehr dichtes Netz von Grenzen. Wenn ich das sage, denke ich natürlich nicht an Staatsgrenzen. Ich denke an kulturelle Grenzen, an Grenzen, die den kulturellen Strukturen Gestalt und Form verleihen, die das Erleben der Welt und den Tagesablauf, die alltäglichen Rituale und das Verhältnis zur Gemeinschaft konkretisieren. Ich denke an Grenzen zwischen Sprachen, wovon es in Europa so viele gibt und deren Wert wir erahnen werden, wenn wir uns an die Bemerkung Wilhelm von Humboldts erinnern, daß Sprache nicht nur unser Verstehen, sondern auch unser Empfinden, unser Erleben der Welt, be­ stimmt. Ich denke an Grenzen zwischen unterschiedlichen Traditionen der Ableitung von Familiennamen (Nachnamen). Sagen wir, an Grenzen zwischen Gebieten, in denen die Grundlage für Familiennamen ein Beruf ist; den Gebieten, in denen diese Grundlage ein Stammesahne ist, und Gebieten, in denen die Grundlage des Familien­ namens eine wirkliche oder erwünschte Eigenschaft ist. Haben diese unterschiedlichen Traditionen mit verschiedenen Verwandtschaftssystemen zu tun? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, daß diese unterschiedlichen Traditionen viel mit dem Empfinden des Kollektivs, der Gemeinschaft, der man angehört, mit der Grundlage der Zu­ gehörigkeit zu tun haben. (Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Empfin­ den, daß die Grundlage der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ein Beruf ist, der vererbt wird, und dem Empfinden, daß die Grundlage der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft Blutsverwandtschaft ist.) Ich denke an die Grenze zwischen Wein und Bier, die einst relativ klar war und heute so fließend ist, daß sie in vielen europäischen Häusern mitten durch den Eßzimmertisch verläuft. Ich denke an Grenzen zwischen verschiedenen Typen von Flüchen, die einerorts genital und andernorts anal, einerorts Blasphemie und andernorts Theomachie sind. Die Grenze ist, wie ich sagte, ein dramatischer Ort, denn es ist ein Ort der Spannung, ein Ort des Zusammentreffens zweier Identitäten. Und sie ist fruchtbar, wie jede Spannung, die tatsächlich eine Begegnung zweier von innen ausgefüllter Identitäten ist. Deshalb glaube ich, daß das Wunder des Europa denkbar wäre, daß sich eine innere Gestalt wenigstens erahnen ließe, wenn man es aus der Natur der Grenze denken und zu vestehen suchte. Jener Grenze, die ich hier zu beschreiben versuche, einem Hinweis von Aristoteles folgend, der Grenze, die Grundlage einer Stadt ist, der Grenze, in der sich zwei kulturelle Strukturen begegnen, als das, was unser Welt­ erleben und unsere Beziehung zur Welt gestaltet und konkretisiert. Ist Europa ein Wunder, weil das Netz kultureller Grenzen in ihm so dicht ist, weil man auf Schritt und Tritt neue Sprachen hört und neue Typen von Familiennamen antrifft, neue Religionen kennenlernt und ein neues Verständnis von Fluch, Beleidigung oder Lob entdeckt? Ich weiß es nicht, aber ich bin tief davon überzeugt, daß darin wenigstens ein Teil der Ursache für das Wunder Europas liegt. Ist es nötig, daran zu erinnern, daß das Netz kultureller Grenzen in Europa am dichtesten in seinem mittleren Teil ist, in jenem Gürtel, der das mediterrane Gebiet und die skandinavische Halbinsel verbindet? Ist es nötig, daran zu erinnern, daß im Laufe unseres unglückseligen Jahrhunderts die Mehrzahl dieser Grenzen aus der inneren in die äußere Realität gewandert ist, so daß diese heute nicht mehr durch unterschiedliche Verhaltensregeln am (bei?) Tisch oder unterschiedliches Erleben der Gemein­ schaft, der man angehört, gekennzeichnet werden, sondern durch Polizeiwachen an Staatsgrenzen? Läßt sich die Fruchtbarkeit der Grenze bewahren, nachdem aus einer kulturellen eine Staatsgrenze wurde? So etwa dürfte unsere grundlegende Frage lauten. Wie kaum eine andere Stadt ist Graz von der Grenze (durch die Grenze) geprägt worden. Denn die Stadt lag an der Grenze zu dem Osmanischen Reich, liegt immer noch an der Grenze, an der drei Ethnien aufeinander treffen, ein halbes Jahrhundert lang lag der eiserne Vorhang einen Katzensprung von der Stadt entfernt. Mit dem nächsten Nachbarn bzw. mit dem Anderen sprach man öfter in der Grazer Geschichte über den Vorhang - egal ob dieser Nachbar durch seinen Glauben, durch seine ethnische Angehörigkeit, oder, in der letzten Zeit, durch das politische System der Andere war bzw. zu dem Anderen wurde. Hat man durch dieses Sprechen erlernt, aus der Grenze eine Begegnungsstätte zu machen? Die Grenze in Graz ist heutzutage allerdings ein Begegnungsort, und zwar nach langen Jahrhunderten, in denen diese Grenze als eine Konfrontationsstätte und als Anlaß zum Streit funktionierte. Noch offensichtlicher ist das alltägliche Leben und das Weltempfinden der Stadt und in der nächsten Umgebung durch eine kulturelle Grenze (in allerlei Hinsicht) geprägt worden. Drei Sprachen berühren sich vor den Toren der Stadt. Um diese Tatsache richtig einzuschätzen, muß man sich daran erinnern, daß die Sprache eher als Welt­ erlebnis denn als ein bloßes Kommunikationsmittel zu betrachten ist (“Die Sprache ist der Abdruck des Geistes und der Weltansicht der Redenden“, behauptete mein großer Lehrer Wilhelm von Humboldt.). Drei Arten von Familiennamen koexistieren in der Stadtumgebung, und drei Arten des Fluchens und Verfluchtwerdens. Gleichermaßen gute Wein- und Biersorten (wohlgemerkt in Graz produziert!) kämpfen um die Gunst der Grazer. Und so weiter, und so weiter. All dem zufolge dürfte man behaupten, daß in Graz, wie kaum anderswo, über die Natur der Grenze nachgedacht werden kann. Und man darf hoffen, daß in Graz, wie kaum anderswo, eine Poetik der Grenze entstehen kann. Eine Poetik, die die Grenze als Vorteil und nicht als Nachteil, weil kulturell und nicht politisch, als Begegnungs- und nicht als Streitpunkt betrachtet. In vielerlei Hinsicht wäre Grenze als kulturelles Phänomen zu artikulieren: Grenze und Grenzbereich zwischen den Sprachen: Grenze und Grenzbereich zwischen den Künsten und Ausdrucksformen; - zwischen den Kulturparadigmen; Grenze innerhalb einer Form... So eine Poetik sollte vor allem und mehr als alles als Anrührung zum Gespräch betrachtet werden, also als eine Beschwörung des Anderen. Denn der Andere ist notwendige, ist die notwendigste Voraussetzung sowohl für das Gespräch wie auch für die Grenze.


Schmuck, 2005-11-09 18:30:00 [event]






supported by



Privacy policy