INTERNATIONALES HAUS DER
AUTORINNEN UND AUTOREN GRAZ
     
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Glück 

Literatur ost <> west
mit
Lavinia Branişte, Ilse Kilic, Christine Teichmann

Lesung und Buchpräsentation
-------------------------------Donnerstag 04. April 2019 / 19.00 Uhr
» Im Cubus

Lesung der Übersetzung: Ninja Reichert
Einführung und Moderation: Birgit Pölzl

www.kultum.at

Eine Veranstaltung des Kulturzentrums bei den Minoriten
in Kooperation mit dem Internationalen Haus der Autorinnen und Autoren Graz und ISOP, unterstützt durch die Kulturvermittlung Steiermark.
Lavinia Branişte ist Stipendiatin des Internationalen Hauses der Autorinnen und Autoren Graz.



© Fotos von links nach rechts: Adi Bulboaca, Lisi Mavalon, Eva Eberl

Die Romanfiguren von Lavinia Branişte, Christine Teichmann und Ilse Kilic versuchen, dem Leben Glück abzuspielen, was ihnen mal mehr, mal weniger gelingt. Lavinia Branistes HeldInnen müssen sich im wirtschaftlich brutalen Klima Bukarests zurechtfinden, Christine Teichmanns ProtagonistInnen arbeiten sich an Identitätsfindung und sexueller Orientierung ab, bei Ilse Kilic läuft die Suche nach Glück über ein ästhetisch-existentielles Spiel.


Sowohl die Kurzgeschichten, an denen die rumänische Schriftstellerin Lavinia Branişte zurzeit arbeitet als auch ihr enthusiastisch rezensierter Roman „Null Komma Irgendwas“ sind in Bukarest verortet. Die Figuren ihrer Texte arbeiten sich am Glück ab: Meist ist es der brutale neoliberale Kontext, der das Vögelchen nicht und nicht landen lassen lässt. In „Null Komma Irgendwas“ zeichnet Lavinia Brani‚ste lakonisch und nicht ohne Selbstironie das Bild einer jungen Frau, der die nötige Skrupellosigkeit und Ellbogenmentalität fehlen. Obwohl alles schief zu laufen scheint für die Ich-Erzählerin Christina, und alles irgendwie gegen sie ist, gibt sie nicht auf. Für diesen aussichtslosen Kampf um ein Zipfelchen Glück in Form einer leistbaren Wohnung, einer Beziehung, die den Namen verdient, in Form von Solidarität und Freundschaft, einer glücklichen Schwangerschaft entwickelt Lavinia Branişte Bilder von Verlorenheit, die so unter die Haut gehen, dass man die Protagonistin in den Arm nehmen möchte. Glück ist bei Lavinia Branişte das, was schmerzhaft fehlt.

(Null Komma Irgendwas, S. 22)


Ganz anders die Texte der aus der Slam Poetry kommenden Schriftstellerin Christine Teichmann. Zwei Romane, „Gaukler“ und „Zu ebener Erde“, hat sie bislang veröffentlicht, Bücher, deren ProtagonistInnen nach schwierigen Selbstfindungsphasen Aussicht auf ein glückliches Leben haben. Was Glück in den Romanen Christine Teichmanns bedeutet? Selbstbestimmtheit, Freiheit, Freundschaft, soziale Sicherheit, Entfaltungsmöglichkeit. In „Zu ebener Erde“ verschwindet die Mutter, eine Opernsängerin, als die Protagonisten Ida und Gabriel noch Kinder sind, der Vater, ein mäßig begabter und zur pathetischer Geste neigender Schauspieler, schlägt sich mit Theaterkram und Engagement-Troubles herum, ohne Zeit für sie zu haben. Die Liebe und Fürsorge der Geschwister füreinander entwickelt sich zu einer inzestuösen Verbindung, die dem jungen Ich-Erzähler für einige Zeit zum Deutungshorizont wird und einiges aufzulösen gibt. Doch schreibt Christine Teichmann ihren Figuren Lebenswillen, Humor und Selbstironie ein, die das Glück in Reichweite halten und dem Roman Leichthändigkeit bescheren.

Niemand war überrascht, dass mein Vater sein Sterben mit demselben Gusto inszenierte, mit dem er jede Szene seines Lebens zum Drama stilisierte. Wäre er ausreichend bei Kräften gewesen, hätte er seinem Freund, dem Bühnentechniker, noch Anweisungen gegeben, im Moment seines Todes den Vorhang des Stadttheaters der Länge nach entzwei reißen zu lassen. So musste er sich darauf beschränken, seine ewige Gefolgschaft, uns Kinder, als seine Statisten in Pose zu bringen. (Zu ebener Erde, S. 5.)


Die Widerständigkeit der Wiener Autorin Ilse Kilic gegen ein zunehmend neoliberal getrimmtes Gesellschaftsideal ist berückend konsequent: Sie stellt das Recht auf Glück ins Zentrum ihres literarischen Schaffens wie ihres konkreten Lebens und sie befragt dieses Recht lustvoll-anarchisch, Grenzen dabei aufhebend, Grenzen zwischen Fiktionalität und Realität, Grenzen zwischen den Kunstformen, Grenzen zwischen Philosophie, Politik und Ästhetik, und alles mit Witz und in hohem formalen Anspruch. Glück ist fragil und bedroht und fliegt einfach weg oder zu Boden, dann hebt es die Autorin Ilse Kilic auf und schaut es an und sinniert, fabulierend dabei, was das literarische Zeug hält. Im aktuellen Buch „Das Buch, in dem sie Kontakt aufnehmen“ lässt sie eine Autorin, die den Namen Ilse Kilic trägt, in ihr gerade im Entstehen befindliches Buch springen, ein Leser verliebt sich in eine Romanfigur und die handelnden Personen beschließen ohne die Autorin den weiteren Verlauf des Textes.

Warum interessiert dich gerade diese Romanfigur?, könnte ich gefragt haben: Ist es deswegen, weil sie so eine interessante Abweichung von der Norm darstellt? Ist es deswegen, weil sie so lange anonym blieb? Oder deswegen, weil sie des öfteren an der Grenze zur Legalität lebte? Weil sie beharrlich das süße Leben sucht? (Das Buch, in dem sie Kontakt aufnehmen, S. 15.)

Birgit Pölzl


Lavinia Branişte [artist]
Glück, 2019-04-04 19:00:00 [event]





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